Die Heumarer Straße in Eil im Wandel der Zeit.

Den Verlauf der Heumarer Straße, in der wir leben und wohnen, bestimmte in Urzeiten eine mächtige Wasserrinne, Maar genannt. Dieser Altarm wurde von den Fluten des Rheinstroms und der Sieg gespeist. Noch bis zum Jahre 1905 war die offizielle Bezeichnung unserer Straße „Auf der Maar“. Nach umfangreichen Rheinregulierungsmaßnahmen im 18.Jahrhundert trockneten die Maaren im Laufe der Zeit aus und versumpften. Im 16. Jahrhundert breitete sich an unserer Straße der „Sternenberger Hof“ aus, der im folgenden Jahrhundert als „Pelstersgut“ bezeichnet wurde. Anfang des 20.Jahrhunderts ließ die Familie Broscheid das mächtige Haus Nr. 9 „Broscheids Bau“ auf dem ehemaligen Hofgelände erstellen, auf dessen Terrain auch die „Mellers Villa“ ihren Standort bekam. Geistliche „Stifte“ und „Abteien“ waren bis zur „Säkularisation“ (1803) Besitzer der Gutshöfe in Eil und Umgebung. Nachdem die Güter durch Erlass des französischen „Kaiser Napoleon“ dem „Herzogtum Berg“ zugeordnet worden waren, sind viele landwirtschaftliche Besitzungen an die derzeitigen Halfen (Pächter) veräußert worden. Infolge dieser frühen „Bodenreform“ war es nun auch „Kleinbürgern“ in unserem Lande möglich Landbesitz zu erwerben.
Um die Höfe zu bewirtschaften benötigte man viele Arbeitskräfte, denn landwirtschaftliche Maschinen waren in dieser Zeit noch unbekannt. Angeworbene „Tagelöhner“ die in der Mehrzahl aus dem „Bergischen Land“ stammten, siedelten auf Parzellen, vorwiegend auf dem Terrain des ehemaligen Rheinarms an, weil die Bodenverhältnisse in jener Zeit noch für die Ackerwirtschaft ungeeignet waren. Viele, zum Teil heute noch vorhandene Tagelöhnerkaten, die links und rechts unsere Straße säumen, erinnern noch an diese Zeit. Dazu gehören natürlich auch die kleinen Anwesen am Kellereiweg, dessen Verlauf von alten Eilern auch „Kuhl“ genannt wird. Vom 16-19. Jahrhundert herrschte, wie überall in unserem Lande, so auch in unserem Dorfe große Armut unter den Bewohnern. Darüber hinaus wurden die Leute durch Unwetter, Seuchen und Requirierungen durchziehender Militärverbände unterschiedlicher Nationalität arg gebeutelt.
Ein Zubrot verdienten sich die Anwohner am Maar noch mit „Besenbinden“ und Anfertigen von Girlanden und Kränzen. Auch „Wilddiebereien“ waren der Not gehorchend in unseren Gefilden an der Tagesordnung. Heute kann man sich bei besten Willen die Lebensumstände unter denen unsere Vorfahren ihr Dasein fristeten, nicht mehr vorstellen.
Im 18. Jahrhundert, bis zu Fertigstellung der „Frankfurter Chaussee“ im Jahre 1770, war unsere Straße der Hauptverbindungsweg zwischen Urbach und Heumar. Die alte „Poststraße verlief derzeit von Siegburg über Wahn, Urbach und Eil entlang des „Maargrabens“ bis Heumar und dann weiter bis Deutz bzw. Mühlheim am Rhein. Demzufolge ist es erklärlich, dass die Bebauung in den vorgenannten Orten, also auch in Eil, sich an dem „Alten Postweg“ orientierte.
Den 1. Weltkrieg 1914/18 mit seinen heuten unvorstellbaren Entbehrungen für die Bevölkerung und den folgenden Besatzungsauflagen der Siegermächte sowie den „Bombenkrieg“ im 2.Weltkrieg 1939/45, der den Bewohnern unserer Heimat das Äußerste an Belastbarkeit abforderte, hat unserer Straße, was Zerstörungen anbetrifft, fast unbeschadet überstanden.
In der Nachkriegszeit, nach der „Währungsreform“ 1948, wurden bis in die heutige Zeit fast alle noch freien Parzellen in unserer Gemarkung zugebaut. Im Jahre 1957 haben die DB und das RGW, trotz massiver Proteste der Anwohner Starkstromleitungen über unser Viertel gezogen. An das allgemeine Abwassersystem sind wir 1964 angeschlossen worden und wurden damit von unseren Sickergruben befreit, deren Inhalt bis dahin als Gartendung Verwendung fand. Die 1967 erstellte EB8, die heutige A59, teilt seither unsere Straße in zwei Hälften, die durch eine Fußgängerbrücke verbunden wurden.
Aus den „alten Katen“ sind mittlerweile mehr oder weniger liebevoll aufpolierte kleine Anwesen entstanden, die von modernen Zweckbauten umgeben sind. So ist es nicht verwunderlich, dass Bauboom und der sich daraus ergebene Bevölkerungszuwachs bewirkt haben, dass heute zu beiden Seiten unserer Straße lückenlos Kraftfahrzeuge aller Klassen und Fabrikate parken.
Doch wenn auch Autobahngeräusche und Fluglärm etwas unser Wohlbefinden beeinträchtigen sollten, so bringen dement gegen unsere Gärten mit ihren reichen Baumbeständen, den Gemüsebeeten und den weiten Rasenflächen die Vorteile einer ursprünglich gewachsenen Wohnanlage. Kein Durchgangsverkehr stört mehr unseren Abendfrieden, wenn wir uns nach getaner Arbeit in unsere – Refugien- zurückziehen. Ein Hauch von Romantik umgibt unser Viertel, wenn wir, besonders an lauen Sommerabenden, den –Volksweise-lauschen, die vom Glockenturm der Reithalle des nachbarlichen Gestüts Röttgen zu uns herüberschallen.

Eil, im Oktober 1998
Günther Reitz
 

Der Broichhaus Hein.

An der Ecke Hauptstraße ( heute Frankfurter Straße ) Heumarer Straße befand sich eine Bäckerei, „de Broichhaus Hein“, der in seinem Laden auch andere Lebensmittel führte. Frische Brötchen konnte man bei ihm bestellen, die dann ohne Aufpreis morgens früh um sechs Uhr vor der Haustür lagen. Ob beim „Broichhaus Hein“, beim „Dollmanns Liesche“ oder beim „Gladbachs Billa“, überall wurden die Lebensmittel lose angeboten und in Schubladen gelagert. Der Kunde bekam die Ware dann in Tüten abgefüllt und das Ganze wurde auf einer Waage, die noch mit Gewichtssteinen funktionierte, nach Wunsch abgewogen. Für flüssige Waren brachten die Kunden ein Gefäß mit, in das dann die Flüssigkeit abgefüllt wurde. Nur Waschmittel wurde schon in Paketen angeboten.
 

Die Mellers Villa.

Neben dem eben schon erwähnten „Broscheids Bau“ in unserer Straße befand sich ein großer Park, der mit einer Mauer umgeben war. Die Einfahrt zu der am Ende des Parks liegenden Villa wurde durch ein großes eisernes Tor versperrt. In der „Mellers Villa“ lebte der geistliche Rat Dr. Meller mit seiner Hausmeisterfamilie. Den geistlichen Herren sahen wir Kinder sehr selten und wenn, dann nur, wenn er über das Pfaffenpfädchen zur Kirche ging. In dem Park standen viele Obstbäume. Das Fallobst durften wir Kinder uns aufheben. Doch das Prachtstück in diesem Park war ein mächtiger Kastanienbaum. (S. Gedicht von Willi Hasenberg) Heute stehen an der Stelle Reihenhäuser.
 

Der Broscheids Bau.

Uns schräg gegenüber wohnte ein Vetter meines Vaters im so genannten „Broscheids Bau“. Er ist der größte und stabilste in unserer Straße und es wohnten vormals neun Familien darin. In alten Zeiten gehörte zu dem Anwesen auch ein Bauernhof. Im Erdgeschoß des Hauses befanden sich eine Gaststätte und eine Bäckerei.
Mehrer Jahre wurde die Gaststätte „Maarhof“ unter dem Beinamen zu „Lustigen Witwe“ geführt. Diese Firmenbezeichnung war nicht so ganz abwegig, weil Eingeweihten bekannt war, dass die Wirtin aus dem Rotlichtmilieu in Köln kam.
Männer aus Eil und Umgebung, die in der Liebe noch unerfahren waren, bekamen unter der Vermittlung der Wirtin in dieser Beziehung ihren letzten Schliff.
Zu meiner Zeit wurde das Anwesen nur noch als Mietshaus genutzt. Auf jeder der drei Etagen befand sich eine Toilette auf dem Flur. Die Waschküche war in einem lang gestreckten Raum der ehemaligen Kegelbahn untergebracht. In den vormaligen Stallungen hielten die Mieter sich Hühner und Kaninchen. Auf dem Acker, der sich hinter den Gebäuden hinzog, hatten sich die Hausbewohner Gärten angelegt. Besonders in den Kriegsjahren waren der Ertrag aus den Gärten und das Halten von Kleinvieh für uns arme Leute lebensnotwendig. Nach wechselvollen Besitzern gehört das Anwesen heute der Familie Engels, die es von der begüterten Familie Lehn-Sehn erworben hat.

Der profane Bau wurde 1901 mit selbst gebrannten Feldbrandsteinen und Dachziegeln an Ort und Stelle erbaut.
 

Beim Dollmanns Lieschen

Schräg gegenüber unserer Straße befand sich bis in die 60er Jahre ein kleiner „Tante Emma Laden“. Auf der Theke beim „DOLLMANNS Lieschen“ standen unter anderem „Kolonialwaren“, auch Gläser mit Kamelle, die man das Stück für eine Pfennig kaufen konnte. Auch Salmiakpastillen klebten wir uns auf den Handrücken und leckten sie auf, damit wir länger etwas davon hatten. Mit den Brausetütchen verfuhren wir genau so oder wir machten uns unter Beimischung von Wasser Limonade daraus, woran wir immer sehr großen Spaß hatten. Alles gab es damals für wenig Geld.

Frau Dollmann, die Besitzerin des Ladens, war gegenüber uns Kindern nie kleinlich. So bekamen wir auch oft, wenn wir eingekauft hatten, ein paar Bonbons gratis. Dollmanns Liesche führte das kleine Geschäft ganz alleine, denn ihr Mann war beim Finanzamt beschäftigt. Im Krieg wurde alles rationalisiert und auch Zuckerwaren gab es nur gegen Marken. Doch für ein „Schwätzchen“ im Laden mit den Frauen aus der Nachbarschaft, deren Männer alle im Krieg waren, hatte Frau Dollmann immer Zeit.

Nach dem Krieg gab es in den Lebensmittelläden „Rabattmarken“. Für jede ausgegebene Mark gab es eine briefmarkenähnliche gummierte Marke, die in ein Rabattmarkenheft eingeklebt wurde. Wenn so ein Heft voll war, freuten wir uns ein König, denn dann bekam man von dem Händler einen gewissen Betrag dafür.
 

De Zimse Lang.

In unserer Straße wohnten auch der „Zimse Lang“. Ihm gehört das "Zimse Büdchen“, welches am Rande des Kirmesplatzes stand, wo heute der Hirschgraben einmündet.
In dem Gelände oberhalb vom Kirmesplatz lag ein kleiner Tümpel, den wir „Marwissje“ nannten.
Der Kirmesplatz war zu Hauptstraße (Frankfurterstraße) hin durch Holzpfähle von unterschiedlicher Höhe abgegrenzt. Wenn wir Kinder aus der Schule kamen, konnten wir nicht daran vorbei gehen, ohne die Pfähle zum Bockspringen zu benutzen. Wie waren wir stolz, wenn wir es geschafft hatten, den höchsten Pfahl zu überspringen.
Der „Zimse Lang“ hatte in einem Anbau an seinem haus in der Heumarerstraße eine Eismaschine stehen. Wenn er im Sommer Eis machte, standen wir Kinder ungeduldig um ihn herum. War das Eis dann endlich fertig, wurden wir für wenig Geld mit einer großen Portion für unser Warten belohnt. Das Speiseeis verkaufte er in den Straßen mit einem Dreirad, wobei er die Eiskiste vor sich her schob. Der „Zimse Lang“ besaß auch ein Pferd und einen Wagen. Mit dem Gespann verkaufte er im Dorf Gemüse und Obst. Um auf sich aufmerksam zu machen rief er laut: „Rude Kappes, weiße Kappes, schäle Kappes!“

Im Juli 1928 wird dem erwerbslosen Matthias Zims aus Eil, gestattet auf dem Markplatz in Eil eine Verkaufsbude zu errichten.

Als der Autobus (Wupper-Sieg) noch durch Eil fuhr und die Haltestelle am Zimse – Büdchen anfuhr, rief der Fahrer diesen Haltepunkt liebevoll mit „Hotel Zims“ aus.

Auf dem Grundstück, wo heute das Haus Nr. 30 steht, stand früher ein uraltes Häuschen. Das kleine Anwesen war jedoch baufällig, dass es eines Tages einstürzte. In den 30er Jahren baute Karl Strunden auf dieser Parzelle ein neues Haus. Das Haus nebenan, Nr. 28, ist das elterliche Haus der Familie Strunden und ist heute noch im Familienbesitz. In diesem Haus wohnte einst et „Strundens Mala“ (Marie). Sie war eine stattliche Frau und hatte immer ein langes Kleid mit einer Schürze darüber an. Wie in der Nachbarschaft allgemein bekannt, verzichtete sie, wie es früher oft üblich war, auf Unterhosen. Außer der Frischluftzufuhr von unter her hatte diese Kleiderordnung den Vorteil, das man beim urinieren nur ein wenig in die Hocke gehen musste und das Bächlein floss. Et Malt trug noch das Grünfutter, das sie am Straßenrand mit einer Sichel (Hääp) mähte, in einem Korb (Mängsche) auf dem Kopf nach Hause, um damit ihre Ziegen (Hippe) zu füttern. Dabei hielt sie mit der linken Hand die Balance des Korbes und in der rechten, noch freien Hand, trug sie außerdem noch ein zweites Bündel mit Futter.